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Berta Zuckerkandl

Journalistin, Schriftstellerin und Salonière

Berta Szeps-Zuckerkandl war eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft und eine couragierte, emanzipierte Friedenskämpferin sowie Vertraute fast aller Größen ihrer Zeit. Sie war nicht nur eine berühmte Salonière, sondern auch eine sehr begabte jüdische Journalistin. Sie kannte jeden und stand im Zentrum des kulturellen Geschehens sowie der Gesellschaft. Auf Grund ihrer Aufzeichnungen und Artikel bekommen wir einen Einblick in das Fin de Siècle, dem Zusammenbruch der Monarchie, der Zwischenkriegszeit und den „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland aus der Perspektive einer Frau.
Sie war befreundet mit den bedeutensten Vertretern des gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens jener Zeit.

In ihrem Salon verkehrte alles was Rang und Namen hat und sich wie das Who is Who der Jahrhundertwende und des frühen 20. Jahrhunderts liest, um nur einige zu nennen: Hermann Bahr, Alexander Girardi, Johann Strauß, Arthur Schnitzler, Otto Wagner, Gustav Mahler, Gustav Klimt, Arnold Schönberg, Sigmund Freud, Katharina Schratt, Hugo von Hoffmannsthal, Stefan Zweig, Franz Werfel.

Bertha Zuckerkandl wurde 1864 als Tochter des angesehenen liberalen Journalisten und Begründers des „Neuen Wiener Tagblattes“, Moritz Szeps, geboren. Szeps war ein enger Freund des Kronprinzen Rudolf, dessen Kritik an der Politik des kaiserlichen Vaters unter Pseudonym im „Neuen Wiener Tagblattes“ erschien. Der Salon war ein beliebterTreffpunkt der jüdischen Intelligenz Wiens, Berta Zuckerkandl begegnete im Hause ihrer Eltern schon als junges Mädchen so bedeutenden Persönlichkeiten wie dem Komponisten Jaques Offenbach, dem britischen Premier Benjamin Disraeli und Georges Clemenceaus.
Durch ihren Schwager Paul Clemenceau war Berta Zuckerkandl eng mit dem politischen und kulturellen Leben Frankreichs verbunden, sie hatte dadurch Informationen aus erster Hand und Frankreich wurde ihre zweite Heimat. Das Interesse an französischen Kultur hat in gebildeten Kreisen Wiens eine lange Tradition und hatte in Zuckerkandls Salon einen hohen Stellenwert.

1889 heiratete sie den berühmten Anatomen Emil Zuckerkandl und führte in ihrem Haus in der Nußwaldgasse 22, danach in der Alser Straße 23 und in dem bis heute bekannten Salon Oppolzergasse 6, über dem Café Landtmann die Tradition ihrer Mutter fort.

Zuckerkandls Liebe zur modernen Kunst

Durch Clemenceau lernte sie den Bildhauer Auguste Rodin und Künstler der modernen Malerei kennen und wurde daraufhin eine Wegbereiterin der „Wiener Secession“.

In ihrer täglichen Kunstkolumne in der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ schrieb sie über die „Wiener Werkstätte“ und engagierte sich sehr für Gustav Klimt. 1902 gelang es  Berta Zuckerkandl, Rodin und Klimt in ihrem beliebten Salon in der Oppolzergasse miteinander bekannt zu machen.

Ein großer Kritiker war Karl Kraus, er veröffentlichte einige Attacke in der Fackel. Kraus bezeichnete sie als „Hebamme der Kultur“, in deren Haus „die Generationen ein- und ausgegangen sind. Er war der Meinung, dass Juden versuchten eine neue Art der Kunst zu benutzen, nämlich der Kunst der Sezession und der Wiener Werkstätte, um assimiliert zu werden. Kraus war selber Jude, aber er dachte, dass diese Kunst keine Assimilation zustande bringen würde. Er kritisiert und schreibt, „Das große gemeinsame Erleben das die Zuckerkandl und den Bahr verband, war hauptsächlich das Glück, gleichzeitig auf Olbrichschen Stühlen (Joseph Maria Olbrich) zu sitzen”. Berta ließ sich von solchen Attacken nicht stören und glaubte an das Motto der Wiener Sezession: “Der Zeit ihrer Kunst, die Kunst ihrer Zeit.“

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In Berta Zuckerkandls Salon lernten sich Gustav Mahler und Alma Schindler kennen, die sich trotz anfänglicher, heftiger Auseinandersetzungen drei Wochen später verlobten, sie war über viele Jahre Almas engste Freundin. Zuckerkandl arrangierte nicht nur Ehen, sie arrangierte auch die Begegnungen mit Max Reinhardt und Hugo von Hoffmannsthal und in ihrem Salon fand die erste öffentliche Lesung des Jedermann statt. Berta Zuckerkandl setzte sich engagiert für die Durchsetzung der Salzburger Festspiele ein. Nach dem Tod ihres Mannes wohnte Zuckerkandl ab 1916 eine Vier-Zimmerwohnung in der Oppolzergasse, bis zu ihrer Emigration 1938 empfing sie ihre Gäste im Bibliothekszimmer, dessen Mittelpunkt ein überdimensionaler Diwan der Wiener Werkstätte bildete, auf dem bis zu zehn Personen Platz fanden.

Die Friedensaktivistin

Der erste Weltkriegs zerstörte ihre Hoffnungen auf ein friedliches Europa. Berta Zuckerkandl setzte sich besonders für die geistige Individualität und Unabhängigkeit Österreichs ein, indem sie ihre Kunstpropaganda forcierte. Darüber hinaus nutzte sie ihre Kontakte zu anderen Frauen oder Salonniéren, mit denen sie in engen Kontakt stand. Die Kriegserfahrungen des ersten Weltkrieges schlagen sich in Berta Zuckerkandls journalistischer Arbeit nieder und schreibt für Frieden und Völkerverständigung.
In den 20er Jahren wendet sie sich zunehmend vom Liberalismus ab und konservativen Gedanken zu, aber sie stellt sich gegen Kanzler Engelbert Dollfuß, der 1934 die Arbeiterbewegung zerschlägt. Nach dem „Anschluß“ Österreichs, konnte Berta Zuckerkandl mit Hilfe der Brüder Clemenceau nach Frankreich fliehen. Als Trägerin des Ordens der Ehrenlegion blieb ihr die Internierung erspart, als die deutschen Truppen in Frankreich einmarschieren, flüchtete die 76-jährige zu ihrem Sohn nach Algier. Dort hielt sie nach der Befreiung durch die Amerikaner über eine von den Alliierten eingerichtete Radiostation eine flammende Rede gegen den Nationalsozialismus und für Frieden und Völkerverständigung. Den Bericht ihres Entkommens, den sie kurz nach ihrer Ankunft in Algier für das Tagebuch ihres Enkels Emile verfasste, ist ein einzigartiges Zeugnis der Stadien und Strapazen einer Flucht vor dem Nationalsozialismus und eines Lebensabschnitts Berta Zuckerkandls, über den wir so gut wie nichts wissen.
Es war ihr noch vergönnt, den Zusammenbruch des Naziregimes mitzuerleben, sie starb im Oktober 1945 nach Jahren der Emigration, in Paris.
Berta Zuckerkandl war eine der schillerndsten und exzentrischsten Persönlichkeiten ihrer Epoche – einer Epoche, die von der ausklingenden Donaumonarchie bis zum Ende des faschistischen Terrors reicht.

Fotos

© Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

Literatur

Österreich intim: Erinnerungen 1892 bis 1942, Bertha Zuckerkandl, Wien 2013
ISBN 978-3852188911

Die Salonièren und die Salons in Wien: 200 Jahre Geschichte einer besonderen Institution, Helga Peham, Styria Premium 2014
ISBN 978-3222134487

Flucht!: Von Bourges nach Algier im Sommer 1940, Bertha Zuckerkandl, Czernin; Auflage: 1, 2013
ISBN 978-3707604566