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Elise Richter

Romanistin und Universitätsprofessorin

ist einer der herausragenden Persönlichkeiten der österreichischen Frauengeschichte, die nicht nur als Frau mit Vorurteilen zu kämpfen hatte, sondern auch durch NS-Repressalien auf Grund ihrer jüdischen Wurzeln an ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten gehindert wurde.

Elise Richter wurde am 2. März 1865 in einen großbürgerlichen Wiener Haushalt einer assimilierten jüdischen Familie geboren, sie konvertierte später zum Protestantismus.

Sie war die erste Frau in der k. k. Monarchie, die 1897 die Matura (Reifeprüfung) am Akademischen Gymnasium in Wien absolvierte und im folgenden Wintersemester die Studienfächer Romanistik, Sprachwissenschaft, Klassische Philologie und Germanistik an der Wiener Universität aufnahm. Elise Richter war eine der ersten drei ordentlichen Hörerinnen und promovierte 1901 als dritte Frau, aber als erste „sub auspiciis“ ( Die Promotion sub auspiciis praesidentis ist eine spezifisch österreichische Form der Auszeichnung hervorragender Studienleistungen) zum Doktor der Philosophie, 1905 war sie die ersthabilitierte Frau im deutschsprachigen Raum und die erste Frau, der an einer österreichischen oder deutschen Universität die Lehrberechtigung erteilt wurde.

Ihre Lehrbefugnis wurde verzögert, da die zuständigen Herren und Minister Bedenken wegen einer negativen öffentlichen Reaktion hatten, im August 1907 war es dann doch soweit, Elise Richter wurde als unbezahlte Privatdozentin zugelassen.
Im Jahr 1921 war sie wiederum die erste Frau, die den Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors vom Bundespräsidenten erhielt, allerdings ohne Funktion und Bezüge, 1927 erhielt sie einen zweistündigen bezahlten Lehrauftrag über „Allgemeine romanische Sprachwissenschaft“ und über „romanische bzw. französische Phonetik“ auf Grund ihrer persönlichen wissenschaftlichen Verdienste. Dieser Lehrauftrag war jeweils auf drei Jahre befristet und dieser mußte stets erneut beantragt werden, diese Bewilligung wurde bis 1938 erteilt und dann wurde sie als Jüdin von der Universität verwiesen.

die Wiener Universität und die Akzeptanz der ersten weiblichen Professorin

Die Romanisten Emil Winkler und Karl von Ettmayer beantragten für Elise Richter eine ordentliche Professur, aber auf Grund der Widerstände des Professorenverbandes, wie etwa wegen ihrer Kritik an der „Fremdwortkunde“ aus dem Jahr 1919 und ihrem Artikel vom 1. und 6. März 1923 in der „Neuen Freien Presse“ zu „Rasse, Volk, Nation“, sie schrieb: „Was ein ‚Volk ausmacht, ist die von gemeinsamer Sprache getragene gemeinsame Überlieferung gleicher Kultur und gleicher Schicksale in der Vergangenheit und die Verfolgung gleicher politischer und wirtschaftlicher Ziele für die Zukunft. Menschen, die die gleiche Sprache sprechen und ihr Leben in gleicher Weise in den Dienst der gleichen staatlichen und kulturellen Interessen stellen, die sind ein Volk. Volkszugehörig sind die auf dem tatsächlichen oder doch wenigstens auf dem ideellen Boden der Heimat Aufgewachsenen, die, großgezogen in den Kulturvoraussetzungen dieser Heimat und ihre äußeren Geschicke teilend, das Gefühl der Zugehörigkeit zu dieser Heimat mit allen daraus erwachsenden Pflichten und gegebenenfalls zu bringenden Opfern im Vordergrund ihres Bewusstseins tragen“, wurde der Antrag nicht beachtet. Der Romanist und Historiker Frank-Rutger Hausmann: „Elise Richter hatte das erreicht, was eine Frau in der männerbeherrschten akademischen Welt überhaupt erreichen konnte, und noch mehr als das. Selbst Feinde des Frauenstudiums mußten ihre wissenschaftliche Könnerschaft anerkennen.“
An der Universität vertrat sie aus taktischen Gründen eine traditionelle Position zu den Themen Gleichberechtigung, Frauenemanzipation und Mädchenerziehung, die nicht mit ihrer privaten Meinung ident war, sie sagte: „Als Frauenrechtlerin konnte ich meinen Weg in der Universität nicht machen, ich musste nicht nur meine Kraft auf die Arbeit richten, sondern auch den Schein des Frauenrechtlertums vermeiden.“
Elise Richter war von 1922 bis 1930 Vorsitzende in dem von ihr gegründeten Verband der Österreichischen Akademikerinnen, sie engagierte sich mit ihrer beruflichen und gesellschaftspolitischen Funktion für ein selbstbewußtes Auftreten der Frauen und dachte auch an die Gründung einer Frauenpartei.
Ihre Rolle an der Universität als Frau und Wissenschaftlerin war ein schwieriger Balanceakt, sie wurde in ihrer Lehrtätigkeit als angepasst,sachlich und schüchtern beschrieben, in ihrem privaten Leben war sie jedoch eine selbstbewußte, politisch engagierte und kulturell interessierte Frau. Politisch war sie bis 1927 in der Bürgerlich-Demokratischen Arbeiterpartei tätig.
Der Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich verschlechterte ihre Lebensbedingungen, der Antrag auf die Bewilligung eines Ruhegenusses wurde abgelehnt und die Auszahlungen ihres Lehrauftragshonorars wurden eingestellt.

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Die Wissenschaftlerin Elisa Richter hatte die Leitung des phonetischen Instituts der Universität Wien inne, sie entdeckte den Einfluss psychologischer Vorgänge auf die Sprache. Sie arbeitete auf dem Gebiet der sprachwissenschaftlichem Gebiet wie Semantik, Syntax, Phonetik, Phonologie und Einbeziehung psychologischer Komponenten, sie stand in der Tradition der Wiener romanistischen Schule, sie bezog aber in ihre Publikationen auch kulturelle und gesellschaftliche Hintergründe mit ein und veröffentlichte um die 300 Publikationen.

menschenverachtendes System

In ihr Tagebuch trug sie am 8. März 1938 ein Gespräch mit ihrer Schwester Helene zur Rede Schuschniggs ein: „Sonntags Volksentscheid Schuschnigg in Innsbruck erklärt, er muss wissen, ob er das Volk hinter sich hat. Else es gehört, sehr schön, großer Jubel dort. Sehr aufregend. Vieleicht meine letzte Vorlesung. Helene auch aufgeregt. Wir müssen sterben. Ich: wir können. Besser als unfreiwillig irgendwie zu krepieren. Frage mich, ob mein Morphinvorrat für 2 reicht, sage natürlich nichts davon. Glaube nicht, dass mehr als 4 Millionen „ja“ herauskommen.“
Hier sind schon die Unsicherheit und Ängste über die nahende, schreckliche Zukunft zu lesen.
Der 73-jährigen Elise Richter wurde im April 1938 die Lehrbefugnis an der philosophischen Fakultät wiederrufen, die angekündigte Vorlesung zur „Lautpsychologie“ wurde daher auch gestrichen und das betreten des Phonogrammarchivs wurde ihr verboten. Angesichts der vermehrten antisemitischen Sanktionen konnte sie ihre Arbeiten nur noch in den Niederlanden und in Italien veröffentlichen. Die beiden Richter-Schwestern hatten im Februar 1938 die Möglichkeit nach London zu emigrieren, doch anscheinend unterschätzten sie die Situation, wie so viele und blieben weiter in ihrem Haus in der Weimarer Straße 83. Ihre finanzielle Situation wurde immer misslicher, daher boten sie ihre 3.000 Bände umfangreiche Bibliothek der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln an, von dieser erhielten sie jedoch kein Geld. Im März 1942 mußten die zwei betagten Schwestern in das jüdische Altersheim, Seegasse 16 umziehen.
Was Elise Richter schon im Jahr 1938 geahnt hat, wurde fünf Jahre später zur noch schrecklicheren Realtiät, Elise und ihre ältere Schwester Helene Richter, die Privatgelehrte, bekannte Anglistin, Frauenrechtlerin, Theaterkritikerin und Schriftstellerin, wurden trotz ihres hohen Alters im Oktober 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, Elises Schwester Helene starb kurz danach im November 1942, Elise Richter verstarb am 21. Juni 1943.

Elise Richter wurde nach ihrem Tod mehrfach gewürdigt, wie etwa verpflichtende Lehrveranstaltungen zur Phonetik in den romanischen Sprachen, die Universität Wien hat es im Jahr 2005 geschafft, nach jahrhunderte langem Bestehen, eine anonymisierte Frauenbüste mit dem Gesicht von Elise Richter, sie ist repräsentativ für alle Frauen die an der Universität gewirkt haben, im Arkadenhof neben 154 Büsten männlicher Akademiker und einer einzigen! Gedenktafel einer Frau : Marie von Ebner-Eschenbach, zu platzieren. Allerdings war diese Büste nur temporär, während einer Ausstellung im Arkadenhof, zu sehen.
Im Hauptgebäuder am Universitätsring befindet sich im 1. Stock der Elise-Richter-Saal, im Institut für Romanistik befindet sich beim Eingang zum Stiegenaufgang eine Gedenktafel zu Ehren von Elise Richter.

In einer Zeit der patriachalischen männerdominierenden Welt und einer Universität mit nur männlichen Mitgliedern, gehörte sehr viel Mut und vorallem Ausdauer dazu denn vielen sexistischen Vorurteilen und der Ablehnung gegenüber Frauen standzuhalten. Im Jahr 2016 ist es zwar etwas besser, es studieren mehr Frauen als Männer, aber je höher die Funktion in einem Betrieb ist, umso weniger wird sie von Frauen belegt, das „Neandertalerdenken“ sitzt leider immer noch in einigen männlichen Gehirnen sehr fest.

Foto

© Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

Literatur

Mitchell G. Ash,Wolfram Niess,Ramon Pils: Geisteswissenschaften Im Nationalsozialismus: Das Beispiel der Universitat Wien, 2010
ISBN: 3899715683

Waltraud Heindl-Langer: „Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück …“ Frauen an der Universität Wien, 1997
Universitätsbibliothek: http://bibliothek.univie.ac.at/

Verband der Akademikerinnen Österreichs: Elise Richter: Summe des Lebens Taschenbuch, (Autobiographie Elise Richter) 1997
ISBN-13: 978-2912626004

Weblinks

http://www.univie.ac.at/Geschichte/Neuverortung-Geschlechtergeschichte/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=82%3Atagebcher-von-elise-richter-19381941-digitale-gesamtausgabe&catid=5%3Aprojekte&Itemid=5&lang=de

http://www.oeaw.ac.at/online-gedenkbuch/gedenkbuch/personen/q-z/elise-richter/

http://richterbibliothek.ub.uni-koeln.de/portal/home.html?l=de

Todesfallanzeige, Ghetto Theresienstadt http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.18629

Jewish Wominas Archive http://jwa.org/encyclopedia/article/richter-elise

http://derstandard.at/1227287400094/Apropos-Elise-Richter