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Relikte der Tuerkenbelagerungen

und ihre Spuren in Wien

Das Ende des byzantinischen Reiches trat mit dem Fall Konstantinopls im Jahre 1453 ein, das Osmanische Reich expandierte und begab sich auf die Suche nach neuem Land. Im Jahr 1529 stand Suleiman der Prächtige mit 300.000 Mann vor den Toren Wiens und war auf dem besten Weg die Stadt Wien zu vereinnahmen. Es ist dem Pfalzgraf Philipp als Oberbefehlshaber zweier Regimenter Reichstruppen in der Stadt, Graf Niklas von Salm, dem frühen Wintereinbruch und den daraus resultierenden Nachschubproblemen zu verdanken, das Suleiman den Rückzug antrat. An die heftigen Kämpfe beim alten Kärtnertor erinnert heute eine Wandtafel an der Ecke Kärtner Straße/ Walfischgasse.
Nach der ersten Türkenbelagerung (1521-1564) ließ Kaiser Ferdinand I. neue Wälle um die Stadt errichten und verlegte seine Residenz in die wieder aufgebaute Hofburg, in dieser Zeit entstand auch das prominente Schweizertor, auf dem die Titel Kaiser Ferdinands I. aufgezählt wurden.

Einen erneuten Ansturm gab es im Jahre 1679, der Anführer der 2. Türkenbelagerung war Großwesir Kara Mustafa mit 200.000 Mann. Dieser Heeresmacht stand eine, durch die im Jahr 1679 ausgebrochene Pestepedemie, geschwächte Garnison von nur 10.000 Mann gegenüber, zur großen Schlacht am Kahlenberg (dem heutigen Leopoldsberg) und Besiegung der Türken kam es unter anderem durch Herzog Karl von Lothringen und dem polnischen König Johann III. (Jan Sobieski), der Sieg im Jahre 1683 beendete die Expansion der Osmanen in Mitteleuropa.

Relikte aus der Zeit der Türkenbelagerungen

In Wien befinden sich nach wie vor Relikte die an die beiden erfolglosen Belagerungen erinnern, wie etwa der Türkenkopf am Stiegengeländer im ältesten Haus im Westen von Wien: dem Fuhrmannhaus in der Linzer Straße 404.
In der Strauchgasse/ Ecke Heidenschuß befindet sich ein türkischer Reiter mit gezücktem Krummsäbel, die Wiener Sage erzählt, dass ein Bäcker in seinem Keller einen Türken beim Tunnelgraben entdeckte, daraufhin die Wache rief und so die Stadt rettete, das ist zwar eine schöne Geschichte aber eben nur eine Geschichte und Legende:-)

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In einigen Wiener Häuser sind noch echte steinerne türkische Kanonenkugeln zu finden, wie am Portal des Wiener Neustädter Hofs in der Sterngasse 3, hier befindet sich der angeblich größte Steinbrocken und laut Überlieferung wurde er aus der Leopoldstadt abgefeuert.

Im Eingangsbereich des mittelalterlichen „Griechenbeisel“ am Fleischmarkt 11/Griechengasse 9 befinden sich drei Kanonenkugeln die in die Wand eingemauert und mit einer Inschrift versehen wurden. Der Inschrift zufolge wurden die Kugeln bei Renovierungen entdeckt, sie sollen aus der Zeit der ersten Belagerung Wiens im Jahr 1529 stammen.

Ebenfalls in der Innenstadt, genauer gesagt Am Hof 11, befindet sich das Haus „Zur goldenen Kugel“, seinen Namen verdankt es einer türkischen Kanonenkugel die während der zweiten Türkenbelagerung hier einschlug und später vergoldet wurde.

Etliche Türkenkugeln sind im Südturm, sowie in den Mauern des Staphansdoms eingemauert, der Dom wurde von mehr als 1000 Kugeln getroffen, eine davon ist im mittleren Pfeiler des Kirchenschiffs mit der eingravierten Jahreszahl „1683“ zu bestaunen. Aus dieser Zeit stammt auch die Pummerin im Stephansdom, sie ist die zweitgrößte frei schwingende Glocke Europas und wurde im Jahr 1711 aus 180 türkischen Kanonen, die man 1683 erbeutet hatte, gegossen. Die Turmspitze der Minoritenkirche wurde bei beiden Türkenbelagerungen durch diese Kanonen zertrümmert und kam so zu der heutigen stumpfen Form.

Fußball statt Relikt der Türkenbelagerung: bei der Errichtung des Hauses Linke Wienzeile 172/ Morizgasse 2 wurde an der Fassade zur Erinnerung an die beiden Belagerungen eine Türkenkugel angebracht, nachdem das Original und die Nachbildungen immer wieder entwendet wurden, sind seit der EURO 2008 statt der Türkenkugel ein kleiner Fußball zu sehen;-)

Die drei größten Türkenkugeln von Wien, mit einem Durchmesser von mehr als 40 Zentimetern, befinden sich vor dem „Dreikugelhaus“ am Gehweg eingemauert in der Sieveringer Hauptstraße 99, sie wurden angeblich von türkischen Gefangenen mithilfe von Schablonen aus einem „Pressstein“ gefertigt. Lt. Schwertbergers: ALLA TURKA_in WIEN „hätten die drei steinernen Kugeln am Tag der Entsatzschlacht, am 12. September 1683, über die Stadtmauer Wiens geschleudert werden sollen“, zum Glück kamen sie nie zum Einsatz.

Erinnerungen an die osmanischen Belagerungen

Das von Lukas von Hildebrandt für Prinz Eugen von Savoyen errichtete Obere Belvedere mit seiner exotische Silhouette und verschiedenen Dachformen spielt auf die Umrisse osmanischer Zelte an, Prinz Eugen drängte die Türken am 11. September 1697 in der Schlacht bei Zenta weit nach Ungarn zurück.

Der „Türkenritthof“ ist eine städtische Wohnhausanlage in der Hernalser Hauptstraße 190–192, sie wurde in den Jahren 1927 bis 1928 errichtet und erinnert mit der Figurengruppe „Türkenritt“ von Karl H. Scholz an den jährlichen „Hernalser Eselritt“. Sie zeigt einen als Kara Mustafa Verkleideten der verkehrt auf einem Esel sitzt und verspottet wird. Nach der zweiten Türkenbelagerung wurde der „Hernalser Eselritt“ ab 1683 eingeführt, dies war ein Maskenumzug der jährlich am Sonntag nach Bartholomäus gefeiert wurde, im Jahr 1783 wurde der Umzug von Joseph II. wegen massiver Auswüchse als „grober Unfug“ abgetan und verboten.

In der Neustiftgasse/Kellermanngasse befindet sich ein vergoldeter türkischer Reiter mit einer darunter liegenden Erinnerungstafel, sie weist auf das angebliche Zeltlager Kara Mustafas hin.

In Währing gibt es drei „Türkenhöfe“, alle drei erinnern mit ihrem Namen an die Wiener Türkenbelagerungen und sind in der Nähe der der sogenannten „Türkenschanze“ (Türkenschanzpark) zu finden. Der bekannteste „Türken-Hof“ befindet sich in der Gersthofer Straße 4/ Bäckenbrünnlgasse 1 und wurde in den Jahren 1910–1913 erbaut. Die beiden anderen befinden sich in der Gentzgasse 112 und 19.

Der Türkenschanzpark verdankt seinen Namen einem historisch belegten türkischen Befestigungswerk aus dem Jahr 1683 und einer nicht historisch belegten Schanze aus der ersten Türkenbelagerung. Eines der Denkmäler des weitläufigen Parks ist der Yunus-Emre-Brunnen, er wurde 1991 von der Republik Türkei gestiftet und ist dem türkischen Volksdichter Yunus Emre gewidmet. Eine andere Sehenswürdigkeit ist das Kosaken-Denkmal, es wurde 2003 zur Feier des 320-jährigen Jubiläums der Zweiten Wiener Türkenbelagerung errichtet. Das Denkmal zeigt einen Pfeife rauchenden Kosaken und sein grasendes Pferd, es erinnert an die ukrainische Kosaken-Armee bei der entscheidenten Schlacht vom 12. September 1683.

Am Leopoldsberg erinnert seit 1983 eine Gedenktafel an die Abwehr der Türken vor Wien und vor einigen Jahren wurde ein Denkmal für die ukrainischen Kosaken errichtet, sie haben bei der Befreiung Wiens mitgekämpft.
Auf dem Kahlenberg befindet sich die barocke Kirche St.Josef, auch Kahlenbergerkirche genannt, sie wurde während der 2. Türkenbelagerung Wiens zerstört und danach wieder aufgebaut. Diese historisch bedeutende Kirche ist auf Grund der schwarzen Madonna eine beliebte Wallfahrtskirche, sie erinnert mit ihren Relikten, Bildern und Erinnerungen an die Befreiung Wiens vor dem osmanischen Heer.

Ebenso erinnern zahlreiche Verkehrsflächen an die osmanischen Belagerungen, wie etwa die Türkenstraße und Sobieskigasse im 9. Wiener Gemeindebezirk, oder die Graf-Starhemberggasse im 4. Bezirk, im
Wien Museum sind sehr viele türkische Beutestücke zu sehen, unter anderem eine aus den Gedächntnis gezeichnete türkische Karte von Wien, die man 1688 im Geheimarchiv des Großwesirs in Belgrad fand, das Heeresgeschichtliche Museum zeigt ebenfalls eine sehenswerte Sammlung türkischer Trophäen, beide Musen sind in jeder Hinsicht einen Besuch wert und beherbergen viele historische Gegenstände und Sammlungen unserer Stadt.

Literatur und Quellen

Nur in Wien: Ein Reiseführer zu sonderbaren Orten, geheimen Plätzen und versteckten Sehenswürdigkeiten Taschenbuch von Duncan J. D. Smith, 2008
ISBN-13: 978-3854983965

Schwertberger, Gerald ALLA TURCA und Türkenkugeln. Türken-Bezüge im Stadtbild Wiens,
http://schwertberger.org/pdf-Dateien/ALLA_TURKA_in_WIEN.pdf

http://www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at

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Karl Kraus

der Satiriker, Dichter und Kämpfer gegen Korruption und Krieg

Karl Kraus lebte in einem Land der Widersprüche und war selbst sehr widersprüchlich. Er hatte Österreich als die „Versuchsstation des Weltuntergangs“ bezeichnet und attackierte das Land sein Leben lang, es aber auch sehr geliebt und wahrscheinlich deswegen so kritisiert.

Kraus hatte ein sehr starkes, bzw. zu starkes Selbstbewußtsein, er war aber auch sein strengster Kritiker, bei den Menschen polarisierte er sehr stark, wobei er durch seine gnadenlose Kritik viele Feinde hatte, die sich aus irgendeinem Grund sein Missfallen zuzogen .

Am 28. April 1874 kam Karl Kraus im böhmischen Jicin in einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus zur Welt, mit drei Jahren übersiedelte die Familie Kraus nach Wien in Nähe der Ringstraße. Das Kind Karl war sehr zart, sensibel und hatte eine schwache Konstitution mit einer angeborenen Rückgratverkrümmung, er reagierte auf jede Veränderung mit großer Ängstlichkeit, diese Schwächen prägten seine spätere Entwicklung, da er sich dieser schämte.

Schon in der Schule suchte er die Schwächen der Lehrer und Schüler, um sich über diese lustig zu machen, diese suchte er mit einer Akribie auch als Erwachsener bei seinen Mitmenschen, um sie dann lächerlich zu machen.
Mit siebzehn Jahren verstarb seine Mutter, darauf reagierte er sehr heftig und bewahrte ein Leben lang eine Haarlocke, einen Brief und Blätter von ihrem Grab auf. Der frühe Verlust seiner Mutter prägte seine Beziehungen zu Frauen, auch diese waren sehr widersprüchlich.

Im Jahr 1899 trat Karl Kraus aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und ließ sich 1911 römisch-katholisch taufen, (Alfred Loos war sein Taufpate) er trat jedoch 1923 wieder aus der katholischen Kirche aus.

Zitat Karl Kraus: „Der Wert der Bildung offenbart sich am deutlichsten, wenn die Gebildeten zu einem Problem, das außerhalb ihrer Bildungsdomäne liegt, das Wort ergreifen.“

der Journalist Karl Kraus

Knapp vor der Matura im Jahr 1892, er maturierte am selben Tag wie Hugo von Hoffmannsthal, erschien seine erste Veröffentlichung in der „Wiener Literatur-Zeitung“: eine Besprechung der „Weber“ von Hauptmann, nach der bestandenen Matura verbrachte Kraus einige Zeit in Bad Ischl, dort schrieb er den langen „Ischler Brief“ der in der Illustrierten „Das Rendevous“ erschien. Karl Kraus begann Jus zu studieren, er bricht aber im Jahr 1894, nach zwei Semestern, dieses Studium ab und studierte dann Philosophie und Germanistik, er schließt jedoch sein Studium nie ab. Im Jahr 1893 tritt er neunzehnjährig als „Franz Moor“ im „Rudolfshauser Volkstheater“ auf und fällt beim kritischen Publikum durch, danach entscheidet sich Karl Kraus für den Beruf des Schriftstellers, dennoch bleibt für ihn die Schauspielerei ein unerfüllter Traum.
Zwischen 1892und 1899 ist er in den verschiedensten Zeitungen als Journalist tätig, unter anderem auch zwei Jahre in der „Neuen freien Presse“ deren Herausgeber Moritz Benedict war, er wurde später ebenso zum Ziel seiner spitzfindigen Kritik wird wie so viele andere. Kraus wollte ursprünglich in der „Neuen freien Presse“ die Nachfolge des Daniel Spitzer antreten, dieser war sehr bekannte für seine satirischen Beiträge „Wiener Spaziergänge“, bald darauf änderte er diese Pläne, da er sehr rasch die Grenzen des unabhängigen Journalismus spürte, daher wollte er eine unabhängige Zeitschrift gründen und sich nicht der „Zensur der Journaille“ unterwerfen.

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Im Jahr 1897 schrieb Kraus die „Die demolirte Litteratur“, in der er die Wiener Literaten, mit denen er sich im Cafe Griensteidl traf, aufs Korn nahm, er schrieb unter anderem: „Mangel an Talent, verfrühte Abgeklärtheit, Posen, Größenwahn, Vorstadtmädl, Cravatte, Maniriertheit, falsche Dative, Monocle“. Er nannte zwar keine Namen der „Demolierer“ aber sie wurden sehr präzise beschrieben, es waren Hermann Bahr, Hugo von Hoffmannsthal, Felix Salten und Arthur Schnitzler, am schlimmsten kam Hermann Bahr weg, ihn hasste Karl Kraus wirklich und daher wurde er am heftigsten kritisiert.

Das legendäre Cafe Griensteidl hatte am 20. Januar 1897 das letzte Mal geöffnet, es wurde am nächsten Tag abgeriessen, daher trafen sich alle Stammgäste zum letzten Mal in ihrem Lieblingscafe „Cafe Größenwahn“. Es kam zu guter letzt noch zu einem Eklat, da Salten wieder einmal Karl Kraus ohrfeigte, doch der kleine Kraus zeigte ihm diesesmal an und Salten musste 20 Golden Strafe zahlen.

die Zeitschrift „Die Fackel“

wurde im Jahr 1899 von dem 25-jährigen Karl Kraus gegründet, die erste Nummer seines Hauptwerkes erschien am 1. April und hatte 32 Seiten mit dem prägnanten roten Umschlag und am Cover eine brennende Fackel vor dem Profil Wiens.

Der Schriftsteller, Journalist und Kulturpolitiker Robert Scheu beschrieb die Reaktionen: „Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles – rot. Einen solchen Tag hat Wien noch nie erlebt. War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln! Auf den Straßen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesen aus dem roten Heft…es war narrenhaft…Und dieses ganze Heft, mit Pointen so dicht besät, daß man es…behutsam lesen mußte, um keine der glitzernden Perlen zu verlieren.“ Von diesem vorerst dünnen roten Heft erschienen insgesamt 922 Nummern mit über 30.000 Seiten. Schon in seiner ersten Nummer greift Kraus all das an, was er bei den anderen Zeitungen verschweigen musste und attackierte den Mißbrauch der Sprache sowie die in der gesamten Monarchie vorherrschenden Korruption, schon in zwei Wochen erreichte die Fackel eine Auflage von 30.000 Exemplaren.

Die von Karl Kraus angeprangerten Missstände haben sich bis heute, obwohl es keine Monarchie gibt, kaum geändert.

Auf Grund dieses Erfolges gab es bald die bösartige „Gegenfackel“ oder das Heft „Der Pinsel“, der Erfolg blieb aber bald aus. Der Drucker des Heftes „Die Fackel“ nutzte eine Erholungsreise seines Auftraggebers schamlos aus und ließ das Titelblatt des Originals unter seinen Namen registrieren, erst durch 15 gerichtliche Urteile konnte Kraus seine „Fackel“ zurückgewinnen.

Da Kraus keine Pauschalanklagen gegen die Gesellschaft erhob, sondern die betreffenden namentlich attackierte, wurde es für ihn gefährlicher, er wurde einmal blutig niedergeschlagen und bekam jede Menge anonyme Droh- und Schmähbriefe. Nach einem viertel Jahr kam er zur folgenden Aufstellung: „Anonyme Briefe 236, Anonyme Drohbriefe 83, Überfälle 1“, seinen Mut und Angriffslust behielt er trotzdem.

Was seine Persönlichkeit ausmachte und ihn von der „Journaille“ unterschied, war seine absolute Beherrschung der Sprache, Fanatismus, eine treffsichere Ironie und seine Pedanterie, er las manchesmal zwanzig bis dreißigmal seine Beiträge durch und prüfte jedes Wort.
Mit seine Vorlesungen erzielte er eine sehr große Wirkung in der Öffentlickeit, das Publikum war von Kraus „begeistert und fanatisch, befriedigt und drohend zugleich“ meinte Elias Canetti, er las meistens in Wien, Innsbruck, Prag und München aus seinen Schriften, später fast nur aus fremden Schriften. In Wien bevorzugte er für seine Lesungen das Konzerthaus und Säle des Wiener Musikvereinsgebäudes.

Feinde und Freunde

der oft bösartige Kritiker Karl Kraus und der liebevolle Förderer neuer Talente sind widersprüchlich, er sah jeden Kritiker zu seiner Arbeit und seiner Person als Angriff und als Feind, dieser wurde daraufhin in der „Fackel“, wie Hermann Bahr, Arthur Schnitzler oder Felix Salten, aufs Korn genommen. Er meinte: „ich mache kleine Leute durch meine Polemik so groß, dass sie nachher würdige Objekte für meine Polemik sind und mir kein Mensch einen Vorwurf machen kann.“

Seine Attacken auf Heinrich Heine, Arthur Schnitzler, einige Prager Literaten und Gustav Klimt sind Fehleinschätzungen, er sah z. B. in Heinrich Heine den Hauptverantwortlichen für die Verlotterung der Sprache, da diese ein Zeichen des Verfalls der Gesellschaft sei.
Zurecht griff Karl Kraus den Zeitungs-Herausgeber Imre Bekessy persönlich in der „Fackel“ an, dieser war ein wegen Verleumdung und Erpressung vorbestrafter Krimineller, der vor Verleumdungen und Erpressungen nicht zurückschreckte.

Kraus bewunderte und verehrte den Schauspieler und Dramatiker Johann Nestroy, bei seinen Veranstaltungen erreichte er, das Nestroy wieder den Stellenwert bekam den er verdiente.
Zu seinen wenigen Freunden gehörten Adolf Loos, Peter Altenberg und Oskar Kokoschka, Kraus war wie Loos ein Fanatiker des Absoluten und daher oft puristisch. Altenberg unterstützt er finanziell wie moralisch und verteidigte ihn bei seinen Entgleisungen. Kokoschka ließ er, wie sonst kaum jemand, an sich heran und ließ sich zweimal von ihm porträtieren.

die letzten Tage der Menschheit

nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, war Karl Kraus einer der wenigen der nicht in begeisterten Kriegstaumel fiel, er sah den ersten Weltkrig schon seit dem Balkankrieg im Jahr 1912 voraus. Bei der Nachricht des Attentats hält er die bereits druckfertige Ausgabe der „Fackel“ zurück und schweigt. Erst nach vier Monaten Krieg bricht Kraus das Schweigen, allerdings nur, um in einer Lesung sein weiteres Schweigen zu begründen. Im Oktober 1915 erscheint eine „Fackel“ mit 168 Seiten, sein Privatsekretät Leopold Liegler drückte aus, was die späten Worte des Karl Kraus bedeuteten: „…in diesem Chaos war er einer der wenigen Menschen, die unerschrocken und klar aussprachen, was alle diese Greuel, diese zur Pflicht gewordene Bestialität zu bedeuten habe; er hat diejenigen ernüchtert, die sich von der Begeisterung der ersten Kriegsmonate hatten verblenden lassen und hat die Verzweifelnden alle getröstet und aufgerichtet…“

Trotz Zensur, Denunzierung und mehrmaliger Konfiszierung der „Fackel“ richtete sich Kraus ständig gegen die Greuel des Krieges. Alle seine Ansprachen, Pamphlete, Glossen und Gedichte aus der Kriegszeit verdichten sich in seinem Hauptwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ zu einem erschreckenden, unverfälschten Bild des Grauens, zu einer auch heute noch geltende Apokalypse.
„Die letzten Tage der Menschheit“ ist eine Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, die in den Jahren 1915 bis 1922 entstanden ist, jeder der fünf Akte leitete jeweils das „Leben und Treiben“, eine Massenszene am „Sirkeck“ an der Ringstraße ein.
Nach über hundert Jahren hat diese Tragödie und sein Lebenswerk nichts von seiner erschütternden Wirkung verloren, Karl Kraus hat es wie kein anderer verstanden, Gesellschaftskritik und Kriegsablehnung in eine Satire zu verpacken.

Zitat Karl Kraus: „Die Kultur endet, indem die Barbaren aus ihr ausbrechen.“

Zwischenkriegszeit

Während des ersten Weltkrieges erschienen die drei ersten Bände „Worte in Versen“, danach folgten noch sechs weitere Bände. Als Ausgleich zur kämpferischen Fackel schuf er dramatische Texte, wie im Jahr 1921 „Literatur“, 1923 „Traumstück“ und „Wolkenkuckucksheim“, 1924 „Traumtheater“, sie waren nicht erfolgreich. Seine Vorlesungen nannte er ab dem Jahr 1925 „Theater der Dichtung“, diese wurden für Karl Kraus zu seinem eigenen „Traumtheater“.
Im Jahr 1933 schrieb Kraus den 300 Seiten starken Band „Die dritte Walpurgisnacht“, dieser erschien aber erst 1952, der Anwalt von Kraus, Dr. Oskar Samek hatte die Fahnen des Buches vor dem Zugriff der Nationalsozialisten in die USA gerettet. Aus diesem Buch stammt der oft zitierte, aber isolierte und daher widersprüchliche Satz: „Mir fällt zu Hitler nichts ein“. Schon sehr früh erkannte Karl Kraus die Gefahr der Nazis und nannte sie ein „Gezücht von Hakenkreuzottern“.

Im Oktober 1933 erscheint nach einer Pause von neun Monaten, statt dem Band „Die dritte Walpurgisnacht“, die dünnste Fackel mit vier Seiten die es je gegeben hat. Das Heft enthält neben einer Grabrede auf Adolf Loos nur ein zehnteiliges Gedicht: „Man frage nicht, was all die Zeit ich machte. Ich bleibe stumm; und sage nicht, warum“. Nach dieser 888. „Fackel“ folgte ein Sturm der Entrüstung, niemand verstand das Karl Kraus ausgerechnet jetzt, Hitler war seit 1933 deutscher Reichskanzler, stumm blieb. Es wurde ihm Opportunismus und moralische Skrupellosigkeit vorgeworfen.

Im Jahr 1933 wurde bei Kraus ein Herzleiden festgestellt, im Februar 1936 erscheint die letzte Ausgabe der „Fackel“, am 13. Juni 1936 stirbt Karl Kraus an einem Herz- und Gehirnschlag. Das Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof in der Gruppe 5 A, Reihe 1, Nummer 22.

Der brillant formulierende Satiriker Karl Krauskämpfte stets gegen Korruption, Dummheit und Phrasen der Parteien, er war immer überparteilich und ergriff nie für eine Konfession Partei. In Österreich wurde der große Satiriker, wie so viele brillante Köpfe, mehr totgeschwiegen als anerkannt.

Karl Kraus wird nachgesagt dass er ein Misanthrop war, aber verschenkt ein Misanthrop ein Vermögen an karitative Vereinigungen? Das spricht doch für den Humanisten Karl Kraus, der Empathie für arme Menschen hatte.

Zitat Karl Kraus: „Das Leben ist eine Anstrengung, die einer besseren Sache würdig wäre.“


Foto
Karl Kraus – das Foto ist gemeinfrei

Literatur und Quellen
Karl Kraus:Die letzten Tage der Menschheit,1994
ISBN-13: 978-3763242801

Friedrich Rothe: Karl Kraus: Die Biographie, 2003
ISBN-13: 978-3492041737

Michael Horowitz: Karl Kraus. Bildbiographie, 1992
ISBN-13: 978-3701500284

Richard Schaukal: Karl Kraus. Versuch eines geistigen Bildnisses Taschenbuch, 2013
ISBN-13: 978-3863474690