Gedenkstätte Steinhof,spiegelgrund,gross,ns-ärzte

Gedenkstätte Steinhof

die Verbrechen der NS-Medizin in Wien

Eine Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes: Der Krieg gegen die „Minderwertigen“

Die Ausstellung ist im Pavillon V des Otto-Wagner-Spitals zu sehen und zeigt erschütternde Einblicke in das menschenverachtende System des Nazi-Regimes.
In den Jahren 1940 bis 1945 wurden vom Nazi-Regime ca 800 angeblich oder tatsächlich geistig bzw. körperlich behinderte Kinder am Spiegelgrund für Experimente angehalten und ermordet, ca 7500 Patienten fielen den Verbrechen der Nazis zum Opfer.

Es gibt leider nur mehr wenige Zeitzeugen und „Spiegelgrund-Überlebende“, einer von ihnen war Friedrich Zawrel. Er ist 2015 in Wien gestorben und war ein Überlebender des Kinder-Euthanasie-Programms

Das Mitwirken der Ärzte und des Pflegepersonals garantierte den reibungslosen Ablauf in den Anstalten. Die Beweggründe sind sehr vielfältig, ob aus Sadismus, Profilierungssucht, Geltungsdrang, anpassen an das System oder im „Namen“ der Wissenschaft, sie sind verabscheuungswürdig und nicht mit dem dem hippokratischen Eid, dieser ist die Grundlage ärztlicher Ethik, vereinbar.
Auszug aus dem hippokratischen Eid:
„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken nach meinem besten Vermögen und Urteil, sie schützen vor allem, was ihnen schaden und Unrecht zufügen könnte.“

Zitat von Karl Kraus: „Die Kultur endet, indem die Barbaren
aus ihr ausbrechen“.

Zucht des arischen und gesunden Menschen

Schon Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich die Wissenschaft mit der Eugenik und es wurde zwischen“positiver Eugenik“ und „negativer Eugenik“ unterschieden, diese fand in Europa und den USA sehr große Zustimmung.
Hier waren ja Antisemitismus, Kolonialismus und Rassismus an der Tagesordnung, ebenso wie die Bezeichnungen Herrenrasse bzw. Herrenvolk. Da ist dann nur mehr ein kleiner Schritt sich zu erdreisten, was lebens- und unwertes Leben ist.

In Deutschland entstand die Bezeichnung „Rassenhygiene“, hier ging es der Wissenschaft um die Zucht „arischen Herrenmenschen“. Zur Gruppe der „Minderwertigen“ gehörten Juden, also alles „Fremdrassige, Homosexuelle, sogenannte „Asoziale“, physisch, psychisch und geistig Behinderte.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, entstanden die „Nürnberger Gesetze“ die jeglichen Kontakt mit Juden verboten. Das  „Ehegesundheitsgesetz“ verbot die Eheschließung, wenn der oder die Verlobte eine „mit Ansteckungsgefahr verbundenen Krankheit“ hat, Schädigung des Partners oder der Kinder zu befürchten ist, ein Partner entmündigt ist oder eine Erbkrankheit hat.

Die Wissenschaft im dritten Reich

beschäftigte sich mit der Begutachtung „andersrassigen“ und ethnischen Minderheiten, sie trug ihren Beitrag dazu bei, dass der Rassenwahn auch in den Gestzen legitimiert wurde.
Die Nazi-Maschinerie war bestens inszeniert, sowie bis ins kleinste Detail aufbereitet, und fast alle spielten bereitwillig mit.

„Aktion T4“ war die Abkürzung für die Adresse Zentraldienststelle T4 in der Tiergartenstraße 4 Berlin, sie war die Adresse für die geheime Zentraldienststelle der Nationalsozialisten. Dieser Aktion, „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, fielen 70.000 Menschen unter der Tarnung „Euthanasie“ zum Opfer.

Es waren auch sehr viele Juden unter den ermordeten Pfleglingen, Viktor Frankl war Arzt im jüdischen Spital Rothschild bemühte sich, sovile jüdische PatientInnen wie möglich zu retten.

der Ermordung der Kinder am Spiegelgrund

und hat in den letzten Jahrzehnten viele Menschen besonders erschütternd, diesem Thema wird in der Gedenkstätte viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Anna Wödl mit ihrem behinderten Sohn Alfred, um dessen Rettung sie sich erfolglos bemühte, der sechsjährige wurde am 22. Februar 1941 am Spiegelgrund getötet.

Die Kinder wurden in der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ am Pavillon15 und 17 untergebracht, sie hieß ab dem Jahr 1942 Heilpädagogische Klinik „Am Spiegelgrund“.
Es wurden hier mindestens 772 Kinder getötet, Krankengeschichten von 743 überlebenden Kindern sind noch existent. An den Kindern erfolgten medizinische Versuche, wie tödlich verlaufende TBC-Impfversuche. Die Gehirnpräparate wurden von den Ärzten für Forschungszwecke verwendet.

kein Nutzen für die „Volksgemeinschaft“

Die Kinder hatten verschiedenste Behinderungen, die Untersuchungen sollten feststellen ob sie an Erbkrankheiten litten bzw. für die Gemeinschaft einen Nutzen hatten.

Diese menschenverachtende Einstellung und Diktion war damals an der Tagesordnung und wurde von diesem „System“ vorgegeben.

NS-Zwangserziehung im Reichsgau Wien

wird sehr gut in der Ausstellung dokumentiert und zeigt wieder einmal die Perfidität dieses Regimes.

Die nationalsozialistische Diktatur erwartet aboluten Gehorsam und Unterordnung, wer sich dagegen auflehnte und versuchte gegen den Strom zu schwimmen, wurde mit Zwang in den Konzentrationslagern „umerzogen“. Kinder, die von den Lehrern, Ärzten, Fürsorgerinnen uam. als unerziehbar eingestuft wurden, kamen in ein „Jugendschutzlager“, das nichts anderes als ein Konzentrationslager war.

Abonniere Wien Bilder » tiefe Einblicke und dunkle Flecken per E-Mail

Als  die Tötungen, die damals Euthanasie genannt wurden, trotz Geheimhaltung an die Öffentlichkeit drangen, wurde der Widerstand der Angeörigen und PatientInnen massiv, aber es gab kaum Unterstützung der Ärzte und des Pflegepersonals. Schon bei den ersten Transporten vom Steinhof demonstrierten Angehörige vor der Anstalt, diese wurden mit Polizei und der SS niedergeschlagen.

Massive Proteste gegen Euthanasiemorde kamen von der katholischen Kirche, diese Proteste trugen zwar zum offiziellen Abbruch der „Aktion T4“ durch Hitler bei, eine weitere Ausführung der Morde konnte in den Anstalten jedoch nicht verhindert werden..

die totale Anpassung

und Gleichschaltung ist erwünscht, jedes abweichende Verhalten galt als „asozial“und wurde von dem Regime bekämpft. Soziale Randgruppen wurden erfasst und an eine sogenannte“Asozialenkommision“ gemeldet, diese entschied dann über eine Einweisung in ein Arbeitslager. Frauen mußten sich einer Zwangssterilisierung unterziehen, da „unwertes“ Leben nicht erwünscht war.

Mord hat viele Gesichter

Die Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof waren Zentren des organisierten Massensterben. Dazu führten die Überbelegung, Vernachlässigung, Medikamentenknappheit, Nahrungsmittelentzug und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Ruhr, Tuberkulose sowie Typhus.
Dem Hungersterben am Steinhof fielen von 1941 bis 1945 mehr als 3.500 PatientInnen zum Opfer.
Anstaltsmorde wurden auch in den niederösterreichischen Anstalten Gugging und Mauer-Öhling vollzogen.
Der praktische Arzt Dr. Emil Gelny, der nach einem dreimonatigen! Praktikum an der psychiatrisch-neurologischen Klinik 1943 den Titel „Facharzt für Geistes- und Nervenkrankheiten“ erhielt, tötete etwas 600 PatientInnen mittels Medikamente und einem, von ihm selbst umgebauten, Elektroschockgerätes.

In den Jahren 1946/47 mußten sich NS-Ärzte im Nürnberger Ärzteprozess verantworten, von den 23 Angeklagten wurden am 20. August 1947 sieben zum Tode verurteilt, fünf zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen 10 und 20 Jahren. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen. Einer der zum Tode Verurteilten war Dr. Karl Brandt, die strafrechtliche Verfolgung der NS-Medizinverbrechen scheierte an den politischen Verhältnissen der Nachkriegszeit. Die Bevölkerung hatte auch kein Interesse und wollte nur nach vorne blicken, so begann eine Ära des jahrzehntelanges Schweigens.

Viele der ehemaligen NS-Ärzte konnten unbehelligt eine Karriere einschlagen, die Opfer wurden verdrängt und vergessen. Einen großen Schritt nach vorne machte Bundeskanzler Franz Vranitzky im Jahr 1991!, mit der Erklärung über die Mittäterschaft von ÖsterreicherInnen im Nationalsozialismus, bis dahin sah sich ja Österreich immer in der Opferrolle. Im Jahr 1995, fünfzig Jahre nach Kriegsende!, wurde einstimmig im Nationalrat die Einrichtung des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus beschlossen.

Dr. Heinrich Gross

Im Jahr 1948 wurde Gross vor dem Volksgericht Wien wegen Beteiligung an den Kindertötungen am Spiegelgrund angeklagt. Das Urteil lautete zwei Jahre Kerker, aber auf Grund eines Formfehlers wurde es wieder aufgehoben. Gross konnte unbehelligt eine zweite Karriere starten, wobei ihm seine Mitgliedschaft im „Bund Sozialistischer Akademiker“ Türen und Tore öffnete, wie die Facharztausbildung in Neurologischen Krankenhaus am Rosenhügel und anschließende Rückkehr auf den Steinhof, wo er es auf der Karriereleiter bis zum Primar brachte. Im Jahr 1953 begann er mit der Auswertung der Gehirne von Spiegelgrund-Opfern und 25 Jahren veröffentlicht einschlägige Arbeiten auf den Gebiet der Neuropathologie.

Ein Teil der Sammlung lagerte bis 2002 im Keller der Pathologie, was die Wiener Wohnbau-Verantwortlichen 2013 nicht abhielt die ehemalige Pathologie für einen Kindergarten vorzuschlagen.

Heinrich Gross war der meist beschäftigste Gerichtsgutachter Österreichs, obwohl der ganzseitige Artikel von Kurier-Journalist Wolfgang Höllrigl am 17. Dezember 1978 veröffentlicht wurde: „Ein Häftling erkannte in Österreichs meistbeschäftigtem Gerichtspsychiater Dr. Gross einen NS-Arzt wieder. Ein Arzt aus der NS-Mörderklinik“.

Im März 2000 kam es wegen neun Morden, die Gross im Spätsommer 1944 begangen hatte, zur Anklage, jedoch wurde die Verhandlung nach nur 30 Minuten aufgrund eines neuerlichen Gutachtens vertagt und nicht wieder aufgenommen. Dieses Gutachten attestierte ihm fortgeschrittene Demenz und eine Depression.
Tja gute Freunde muß man haben….

Um Jahrzehnte zu spät

Im Jahr 2002 werden die Leichenteile, die im Keller der Pathologie lagerten, endlich beigesetzt und 2003 wurden vor dem Jugendstiltheater ein Mahnmal für die Opfer vom Spiegelgrund und eine Gedenkstätte errichtet, es sind 772 Licht-Stelen die an 772 ermordete Kinder und Jugendliche, die in den Jahren 1940 bis 1945 in der nationalsozialistischen Euthanasie-Anstalt „Am Spiegelgrund“ ihr Leben lassen mussten, erinnert.
Auch wenn manche Menschen meinen: „das alles längst Vergangenheit ist und die soll man gefälligst ruhen lassen, wer weiß wie wir gehandelt hätten usw..“

Diese, unsere, Vergangenheit hat in Österreich viel zu lange geruht, es wurde zulange verdrängt, verleugnet und geschwiegen. Daher sollten wir immer an dieses entsetzliche Kapitel der österreichischen Geschichte und an ihre Opfer erinnern und erinnert werden, damit diese schrecklichen Ereignisse nie wieder stattfinden.

Adresse

Otto Wagner Spital, V-Gebäude, Baumgartner Höhe, 1140 Wien

Öffnungszeiten

Mittwoch bis Freitag (werktags) 10 bis 17 Uhr
Samstag (auch an Feiertagen) 14 bis 18 Uhr

Freier Eintritt

http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/gedenkstaette-steinhof
http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/gedaechtnisorte-gedenkstaetten/katalog/gedenkstaette_steinhof
http://www.gedenkstaettesteinhof.at/

Literatur

Die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund: Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Kindereuthanasie in Wien von Waltraud Häupl, 2014
ISBN-13: 978-3205774730

In den Fängen des Dr. Gross, Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel von Traudl Schmidt und Oliver Lehmann
ISBN: 978-3-7076-0115-2

Die nationalsozialistische „“Euthanasie““-Aktion „“T 4″“ und ihre Opfer von Maike Rotzoll,2010
ISBN-13: 978-3506765437

Die Ärzte der Nazis Gebundene Ausgabe von Hans-Henning Scharsach, 2000
ISBN-13: 978-3701504299

Medizin ohne Menschlichkeit: Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke , 2009
ISBN-13: 978-3596220038

Youtube

Friedrich Zawrel – Meine liebe Republik II
https://www.youtube.com/watch?v=Pd0MLK7jbI4

 

 

 

 

 

 

3
  1. Mag. Ulrike Schmid
    Mag. Ulrike Schmid says:

    Außerdem ist die Stadt Wien drauf und dran im Ostgelände „Sozialwohnungen“ zu errichten. Es sollen zehn dreistöckige Häuser gebaut werden. Kurz vor Weihnachten hat ICOMOS, Paris deshalb den HERITAGE ALERT ausgerufen.

    Antworten
  2. Niklas W.
    Niklas W. says:

    ein sehr informativer Bericht über diese schreckliche und menschenverachtende Zeit, sehr schlimm wie es sich manche danach „richten“ konnten.
    An diese Zeit muß immer wieder erinnert werden, auch wenn es manche nicht hören wollen.

    Antworten
    • Lisa
      Lisa says:

      und sie richten es sich heute noch immer…Wenn ich mir die menschenverachtenden Beiträge in den Sozialen Netzwerken ansehe, habe ich das Gefühl dass einige Menschen nichts dazu gelernt haben.

      Antworten

Kommentar verfassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *