Bedürfnisse in Wien

Historische Wiener Bedürfnisanlagen

Bis die ersten öffentlichen Bedürfnisanstalten errichtet wurden, gab es den Beruf der Abtrittanbieter, die auch Buttenmänner, Buttenweiber oder Madame Toilette genannt wurden. Madame Toilette assoziiert man heute mit einem verlockend duftenden Parfum:-).

Die Antrittanbieter gingen mit Eimer und weiten Mäntel durch die Strassen und boten ihre Dienste an, unter dem Mantel konnten dann die Menschen ihre Notdurft verrichten.

Der Berliner Wilhelm Beetz entwickelte und realisierte eine Idee, mit der es zu einer verbesserter Hygiene kam. In Wien suchte er im Jahr 1880 beim Wiener Magistrat an, ihm den Bau und Betrieb von „Bedürfniß-Anstalten für Personen beiderlei Geschlechts“ zu genehmigen. Trotz der schlechten sanitären Zustände lehnte die Stadt Wien sein Ansuchen ab da die Stadt vorhatte selbst solche Bedürfnisanstalten zu betreiben. Nach zwei Jahren stellte Beetz einen neuerlichen Antrag, in dieser Zeit passierte in Wien in Sachen Bedürfnisanstalt nichts, er wies darauf hin das in anderen Städten Bedürfnisanlagen von privaten Unternehmen erfolgreich betrieben wurden. Diese mal war Beetz erfolgreich, im Jahr 1883 erteilte ihm die Stadt Wien die Bewilligung, gegen eine potenzielle Beteiligung der Stadt, Bedürfnisanstalten „aus Eisen mit Ziegelunterbau und Steinsockel in gefälliger Form“ zu errichten. Der Preis zu dieser Zeit waren 10 Heller für die Benutzung eines Klosetts erster Klasse und 6 Heller für die Benutzung der 2. Klassen.

Wien`s schönste Befürfnisanstalt am Graben

Das besondere an den Pissoires war das 1885 patentierte System der „Öldesinfektion“ und des „Ölgeruchverschlusses“. Hier werden die Wandflächen mit einem Mineralöl (Urinol) abgerieben, um ein haften von Urin zu verhindern. Der Geruchsverschluss besteht aus einem Syphon, indem an der Zulaufstelle die stehende Flüssigkeit mit einer Schicht Urinol abgedeckt wird. Da Mineröl leichter als Wasser ist, verbleibt es immer oben und deckt den Geruch ab.

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Im selben Jahr übersiedelte Beetz nach Wien und gründete die Firma „Wilhelm Beetz“, die sich ausschließlich mit der Errichtung öffentlicher Toilettenanlagen beschäftigte. Ende 1903 betrieb die Firma bereits 93 Pissoirs sowie 58 Bedürfnisanstalten.

Luxus endet nicht vor der Bedürfnisanstalt

Im Jahr 1904 wurde die unterirdische Bedürfnisanstalt am Graben errichtet, die feudale Jugendstil Anlage beeindruckt mit geschliffene Spiegel, Marmor, Messing und vergoldeter Schrift, jede Kabine hat einen Spiegel und ein Handwaschbecken. Diese Anlage befindet sich im Originalzustand und ist sicher die schönste Luxus Ausgabe einer Bedürfnisanstalt in Wien. Ich kann nur von den Damentoiletten berichten, aber die sehr nette Toilettenfrau sagte mir das die Ausstattung bei den Herren dieselbe ist.
Diese wunderschöne Bedürfnisanlage sollte man auf jeden Fall gesehen haben.

Es gibt in Wien noch sehr viele historische Bedürfnisanlagen und Pissoires

wie z. B. vier Bedürfnisanstalten aus dem Jahr 1908 im Schlosspark Schönbrunn, 1130 Wien (beim Meidlinger Eingang, Hietzinger Eingang, Menagerie Eingang und westlich des Gartenhauptparterres)
Bedürfnisanstalt Parkring, Ecke Weiskirchnerstraße / Stadtpark, 1010 Wien, aus dem Jahr 1901
Bedürfnisanstalt Türkenschanzpark, bei Gregor Mendel-Straße, 1190 Wien, aus dem Jahr 1902
Bedürfnisanstalt Schönbornpark, 1080 Wien, aus dem Jahr 1903
Pissoir Rabbiner Schneerson Platz 1020 Wien, aus dem Jahr 1901
Pissoir Sievieringerstraße, bei Fröschelgasse (St. Severin Kirche) 1190 Wien, aus dem Jahr 1902

Literatur

Wie kommt der Hirsch aufs Dach?, Wien 2013

ISBN 978-3993001452

Weblinks

Architektenlexikon